Dauerbrenner „Gendering“ (1)

Dauerbrenner „Gendering“ (1)

Immer wieder fragen Kunden und Auftraggeber an:

„Wir möchten mit dem Text Männer wie Frauen ansprechen. Wie können wir ihn am besten gendern, was sind die verbindlichen, aktuellen Formen?“

 

Die eine verbindliche Form gibt es nicht.

Im Umlauf sind mehrere Varianten, die je nach Geschmack und Vorliebe angewendet werden. Zu den häufigsten zählen in aller Kürze:

 

Schrägstrichversionen mit und ohne Bindestrich:

Mitarbeiter/innen, den Mitarbeiter/inne/n, Teilnehmer/-innen, jede/-r Teilnehmer/-in

 Funktionieren im Plural ganz gut, können bei Einzahlformen aber pestig und unlesbar werden. Beispiel:

„Verwenden Mitarbeiter/innen ihr Diensthandy auch für private Zwecke, muss ihr Vorgesetzter sie darauf hinweisen, dass sie dies nur in der von dem/der Dienstgeber/in vereinbarten Zeit tun können.“

„Verwendet ein/e Mitarbeiter/in sein/ihr Diensthandy auch für private Zwecke, muss sein/ihr Vorgesetzter ihn/sie darauf hinweisen, dass er/sie dies nur in der von dem/der  Dienstgeber/in vereinbarten Zeit tun kann.

 

Klammer(n):

ein(e) Teilnehmer(in), jede(r) Wähler(in), der/die Mitarbeiter(in), Kolleg(inn)en

So wie bei Schrägstrichversionen kann sich ein wildes Konglomerat an eingeklammerten Wörtern ergeben. Aufwändig zu lektorieren, zu setzen und – wahrscheinlich – auch zu lesen.

 

• Doppelform (Splitting):

Wissenschafterinnen und Wissenschafter sind sich uneins: Wie viel Sprachmixtur verträgt der gemeine Leser bzw. die gemeine Leserin? Wie korrekt müssen oder dürfen Texte sein, damit die Rezipientinnen und Rezipienten überhaupt noch erfassen, was die Schreiberin oder der Schreiber ihnen mitteilen wollte?

Die eleganteste Variante, aber auch die am meisten Platz verschlingende. Nicht zu empfehlen für kurze, prägnante Texte.

 

• Geschlechtsneutrale Begriffe (Neutralisierung)

Studierende, Vortragende, Lehrende, Unterrichtende, Beschäftigte, Mitarbeitende, Forschende, Forschung Treibende, wissenschaftlich Tätige, Personal, Kundschaft, Belegschaft, Publikum

 Sogenannte deverbative Substantive (von Nomen abgeleitete Substantive) sind im Kommen, decken aber – gemeinsam mit lange gebräuchlichen Begriffen wie Lehrkraft, Personal oder Publikum – erst ein kleines Segment ab.

 

• Binnen-I/Binnen-Majuskel:

MitarbeiterInnen, KundInnen, jedeR BeraterIn

 Ist relativ einfach durchführbar und umfasst (bis auf wenige Ausnahmen wie Arzt/Ärztin, Anwalt/Anwältin, Experte/Expertin) auch alle Deklinationsformen.

Das Unterrichtsministerium hat sich allerdings gegen die Binnen-I-Form ausgesprochen; in Schulbüchern darf sie nicht verwendet werden.

 

• Andere orthographische Zeichen (Unterstrich [Gender, Sternchen, …):

Student_innen, Mitarbeiter*innen

Ähnlich wie das Binnen-I, aber weniger verbreitet.

 

Viele HerausgeberInnen von Publikationen umgehen die Problematik, indem sie meist irgendwo auf den ersten Seiten einen Standardsatz positionieren, der die Sache in einem Aufwaschen erledigen soll (z. B. „Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf eine geschlechtsspezifische Differenzierung verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten jedoch für beiderlei Geschlecht“).

 

Das Lustige an der ganzen Sache:

Während sich die Autor/inn/en und Lektor/inn/en von Schulbüchern gemeinsam mit den Schulbuchkommissions-Gutachter/inne/n daran abarbeiten, den kompetenzorientierten Lehrstoff für die Schülerinnen und Schüler sowie Lehrerinnen und Lehrer in korrekt gegenderten Sätzen aufzubereiten, werkt die Industrie munter am Vergrößern des Gender-Gap weiter.

Dazu mehr im nächsten Blog!

By |10. Februar 2014|Categories: Aktuell|7 Comments

7 Comments

  1. alicesays 11. Februar 2014 at 15:07 - Reply

    Intention der Verfechterinnen einer gendergerechten Sprache war und ist es doch, Frauen auch in der Sprache sichtbar zu machen und ihnen somit zu einer gleichberechtigten Stellung im Beruf, in der Gesellschaft zu verhelfen. Denn – sehr verkürzt ausgedrückt – so wie man/frau spricht, so denkt und fühlt man/frau auch.
    Aus diesem Grund finde ich dieses Sätzchen am Anfang (“ … beziehen sich gleichermaßen auf männliche wie weibliche Leser …“) völlig überflüssig, eine reine Augenauswischerei. Entweder will ich die Frauen in meinem Text sichtbar machen oder ich will es nicht.

    • Andreas_OffTopic 11. Februar 2014 at 15:21 - Reply

      Wenn es nur nicht so nervig zu schreiben, zu korrigieren und zu lesen wäre …!
      Ändert es denn tatsächlich etwas im Bewusstsein? Ich meine, gibt es Untersuchungen, dass sich die Wahrnehmung der Menschen verändert hat? Wenn man sich so in der Praxis umhört und umsieht, hat man ja eher den Eindruck, dass auch das Gendern der Sprache nur eine Augenauswischerei ist – siehe Gehälter-Gap, siehe „gläserne Decke“ in vielen Branchen, siehe Karriereknick durch Kinder etc.

      • alicesays 11. Februar 2014 at 15:47 - Reply

        Probier’s einmal aus:
        Was hast du ganz spontan bei der Aussage „Die Ärzte im AKH leisteten ganze Arbeit“ vor deinem geistigen Auge:
        einen oder mehrere Männer in blitzblanken weißen Kitteln am Krankenbett/im Chirurgenoutfit im OP –
        oder eine oder mehrere Frauen in Weiß oder OP-Saal-Grün?

  2. Montmar 11. Februar 2014 at 15:42 - Reply

    Ich kann nur fürs Französische sprechen, das ja fast noch mehr zwischen männlich und weiblich unterscheidet als das Deutsche. Dort ist nix mit Gendern, und trotzdem gibt es einen relativ hohen Anteil an weiblichen Beschäftigten, gute (öffentliche) Kinderversorgung usw. Ob das den Schluss zulässt, dass man sich das Gendern sparen kann? Nein, ziemlich sicher nicht! Mit ein wenig Druck geht’s besser: Z.B. hat die Regierung den Unternehmen Sanktionen angedroht, wenn sie den Einkommensunterschied zwischen französischen Frauen und Männern nicht beheben. Ob’s schon was bewirkt hat, weiß ich allerdings nicht.

    • Sonnenfenster 11. Februar 2014 at 16:02 - Reply

      Es gibt eine ganz interessante Untersuchung des World Economic Forum zum Gender Gap. Dabei werden jährlich die Ungleichgewichte bei der wirtschaftlichen Teilhabe, Bildung usw. erhoben. Demnach ist Frankreich zurückgefallen vom 18. auf den 45. Platz, scheinbar vor allem deshalb, weil die Zahl der Ministerinnen zurückgegangen ist. Österreich liegt auf dem 19. Platz. Ganz vorne liegen Island sowie – Überraschung! – die skandinavische Ländern, und auf Platz 5 – diesmal wirklich: Überraschung! – die Philippinen. Weiters auch noch vor Österreich z. B. Entwicklungsländer wie Nicaragua, Kuba und Lesotho!
      Mehr zum Global Gender Gap Index gibt’s hier: http://www.weforum.org/reports/global-gender-gap-report-2013

  3. Flo 31. März 2014 at 11:17 - Reply

    Das Lustige an obigen Beispielen ist, dass ausgerechnet „der Vorgesetzte“ nicht gegendert wurde. Was das wohl aussagt? 🙂

    „Verwenden Mitarbeiter/innen ihr Diensthandy auch für private Zwecke, muss ihr Vorgesetzter sie darauf hinweisen, dass sie dies nur in der von dem/der Dienstgeber/in vereinbarten Zeit tun können.“

    „Verwendet ein/e Mitarbeiter/in sein/ihr Diensthandy auch für private Zwecke, muss sein/ihr Vorgesetzter ihn/sie darauf hinweisen, dass er/sie dies nur in der von dem/der Dienstgeber/in vereinbarten Zeit tun kann.“

    • Susanne Spreitzer 31. März 2014 at 11:48 - Reply

      Ui, voll erwischt! Danke für den HInweis!!

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