Happy Birthday, altes Haus!

Happy Birthday, altes Haus!

Vor 300 Jahren, als dieser Balken auf das Mauerwerk gesetzt wurde, feierte Maria Theresia in der fernen Wiener Hofburg gerade ihren ersten Geburtstag und das kaiserliche Österreich genoss unter ihrem Vater Karl VI. die größte territoriale Ausdehnung seiner Geschichte. Im weit entfernten Stift Göttweig brach ein mächtiges Feuer aus – aber da war der Zubau zu dem kleinen Göttweiger Stiftskirchlein zum Glück schon unter Dach und Fach. 300 Jahre Geschwätz und Gemurmel, Gelächter und Geschrei, Gezanke und Gesang haben die kunstvoll geschnitzten Balken  seither in sich aufgesogen – und die sprachlichen Unterschiede könnten heute nicht größer sein als anno dazumal. 

Holz lebt, riecht, knackst, quietscht – nur sprechen kann es leider nicht. Sonst hätte dieser 300 Jahre alte Fichtentram schon was zu erzählen: von dem fetten Mönchlein etwa, das unter der prächtigen neuen Holzdecke weit entfernt von seinem Stift den Zehent eintrieb; von den Bauern in dem abgelegenen Lilienfelder Tal, die hier hereinbuckelten und nicht wussten, ob sie den Vertreter Gottes mehr fürchten sollten als die Heerscharen der Osmanen und Kuruzen, die das Land noch vor wenigen Jahren heimgesucht hatten; von den verschiedenen Herrschaften, die hier über die Jahrhunderte Logis bezogen hatten und jedes Mal wieder neue Moden mit sich brachten – nicht zuletzt in der Sprache.

1718, da wurde noch geIhrzt und geerzt1 und wer etwas auf sich hielt, verwendete so viel Französisch, wie sich in einem Satz nur unterbringen ließ. Im Institut der Englischen Fräulein in St. Pölten sollten auserwählte junge Mädchen denn auch neben dem Lesen, Schreiben, Reiten und Nähen ihre Fähigkeiten im Tanz und in der französischen Sprache erweitern, um sich als capable Mamsells für eine ehrenhafte Liaison zu recommendiern.

Rein lautmalerisch sind die Unterschiede zwischen damals und heute gar nicht so groß2, von Schreibweise und Schreibstil her sind Korrespondenzen von damals aber für heutige Leser eine Herausforderung3:

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Bis zu einer deutschen Standardsprache sollten noch viele Jahre ins Land ziehen, Groß- und Kleinschreibung etwa orientierten sich am Beginn des 18. Jahrhunderts noch weitgehend an dem Lutherschen Prinzip der Signalwirkung4 – großgeschrieben wird, was und wer hervorgehoben werden soll – und je verschachtelter die Sätze daherkamen, desto schöner.

Aber der Durchbruch des Neuhochdeutschen war unaufhaltsam: Mit der Liebe zur französischen Sprache entwickelte sich unter Dichtern und Denkern auch der Drang, es den Franzosen gleichzutun und eine einheitliche Schriftsprache mit festen Schreibregeln zu entwickeln.

 

Nun, viele, viele Rechtschreibkommissionen später, haben wir sie also, die in Stein gemeißelten Regeln, wie etwas zu sprechen und zu schreiben ist. Das sollte das (Lese-)Verständnis aller im deutschsprachigen Raum deutlich erhöhen.

 

Im Großen und Ganzen könnte man sagen: Ziel erreicht.

Aber wenn der alte Fichtentram tatsächlich sprechen könnte, würde er wohl sagen:

„Blödsinn!“, oder vielmehr: „Bullshit! Das könnt ihr euren Billy-Regalen erzählen, dass die Youngsters, die manchmal unter mir bei dröhnenden Bässen chillen, dieselbe Sprache sprechen wie die Oldies, die hier aus- und eingehen.“

Sorry, altes Haus, ist wirklich beides Deutsch, auch wenn’s nicht so klingt.

Aber selbst mit 300 Jahren Erfahrung in den Fasern darf man sich einmal irren!

 

 

1 „Ihr Seyd mir stets willkommen, Herr Bruder„, „Bring Er mir den brieff“

2 Beispiel: Liselotte von der Pfalz an Kurfürstin Sophie von Hannover:
„Die verzehlt mir, wie sie ahn Einen fenster in ihren hoff Einen soldaten gesehen, […] wie Er sie ahm fenster sieht, rufft Er, fraw wolt ihr Einen schönen kessel kauffen. Die Ratzenhauserin antwortet nein, du hast ihn vileicht gestolen […] Eine halbe stundt hernach kommt die magt geloffen und rufft, fraw man hat euch unsern wäschkessel aus der mauer gestohlen.“ (1706). Aus: Döring Detlef et. al (Hg.): Johann Christoph Gottscheds Briefwechsel: historisch-kritische Ausgabe, Band 1, Walter de Gruyter, Berlin – New York

3 Aus: Zentrales Verzeichnis Antiquarischer Bücher, Eleonora Magdalena Theresia, Kaiserin, Witwe Leopolds I., an Graf von Dhaun von Thiano, 1718; https://www.zvab.com/servlet/BookDetailsPL?bi=197527371&searchurl=kn%3Dbriefe%2Bkaiser%2Bleopold%2Bi%26pt%3Dms%26hl%3Don%26sortby%3D20 (Download am 8.7.2018)

4 Beispiel: Johann Heinrich Kreuschner an Gottsched, Königsberg 1725:

HochwolEdler und hochwolgelahrter H. Magister/ Werthgeschätzter Gönner und Freund

Allerdings kan Ew: HochwolEdl: nicht verdencken, daß Sie über dem langwierigen Ausbleiben meiner Antworten auf die so häuffig an mich abgelaßene gütige Zuschriften in Dero letzteren zwey Schreiben gantz ungeduldig werden wollen. Sie würden umb so viel mehr sich darüber zu verwundern haben, wenn nicht schon bey ihrer ehemaligen Abreise Ihnen meine Schwachheit offenhertzig gestanden, und zum voraus mit der Entschuldigung vorgebauet, wie dieß mein natürlicher Fehler wäre, daß ich zum schreiben sehr schwer zu bringen, und mich leicht durch andere Dinge, die offt auch wol eher Aufschub litten, davon abhalten ließe. …

Aus: Döring Detlef et. al (Hg.): Johann Christoph Gottscheds Briefwechsel: historisch-kritische Ausgabe, Band 1, Walter de Gruyter, Berlin – New York

 

By |14. Juli 2018|Categories: Aktuell|0 Comments

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